Zwei deutsche Wissenschaftsjournalisten haben sich in den vergangenen Tagen regelrecht Konkurrenz mit neuen Horrormeldungen zum Thema Alzheimer gemacht. Ulrich Bahnsen unkt in der ZEIT, dass Alzheimer womöglich durch “infektiöse Eiweißmoleküle” ausgelöst wird. Er warnt vor “massiven Folgen für unser Gesundheitssystem” und stellt gleich mal “die Sicherheit von Blutspenden und Blutprodukten infrage“.
Sein Kollege Thomas Liesen macht die Übeltäter in seinem Deutschlandfunk-Beitrag dagegen in einzelnen, bösen Genen aus und plädiert dafür, Alzheimer schon “fünf, vielleicht aber auch zehn oder 20 Jahre, bevor sich erste, leise Gedächtnisprobleme zeigen” zu diagnostizieren und dann zu therapieren, “vielleicht sogar mit den Mitteln, die bisher versagt haben“. zum Podcast
Erstaunlich, wie sicher sich die Beiden ihrer Thesen sind – obwohl sich diese komplett widersprechen.
Mehr noch: Wie, Herr Liesen, soll man Alzheimer bereits Jahre vor Auftreten der ersten Symptome diagnostizieren können, wenn sich die Krankheit – nach übereinstimmender Aussage von Medizinern und Forschern – nicht einmal nachweisen lässt, wenn ein Mensch bereits schwer an Demenz erkrankt ist?
Und: Wollen Sie vielleicht selbst schon einmal vorsorglich ein paar der Mittel schlucken, die, wie Sie selbst feststellen, bisher versagt haben?
"Alzheimer" ist keine Krankheit. Sie ist ein Phantom. Ein gezielt geschaffenes Konstrukt, mit dem sich Ängste schüren, Forschungsmittel mobilisieren, Karrieren beschleunigen, Gesunde zu Kranken erklären und riesige Märkte für Medikamente schaffen lassen.
Die Kritik an renommierten Wissenschaftsjournalisten-Kollegen sollte auf Fakten beruhen. Fakt ist, dass es Krankheiten gibt, die erblich und infektiös zugleich sind. Prionerkrankungen beim Menschen sind das perfekte Beispiel. Auch Krebs kann genetische Ursachen haben und infektiöse, das steht in jedem Lehrbuch. Alzheimer kann dominant vererbt werden, Betroffene mit bestimmten APP-Duplikationen, Presenilin 1 und 2-Mutationen erkranken früher oder später zu 100 Prozent an einer Alzheimer Demenz. Das bleibt in dem Buch “Vergiss Alzheimer” schlicht unerwähnt und das ist kein Ruhmesblatt für Wissenschaftsjournalismus. Das wiederum eine Krankheit im Körper vorhanden sein kann, ohne dass man Sie eindeutig nachweisen kann, ist eigentlich in der Medizin selbstverständlich. Wer einen Lungenkrebs im Körper trägt und dann an einem Herzinfarkt stirbt, dessen Lungenkrebs blieb zu Lebzeiten unentdeckt. Kann man daraus folgern, dass er keinen Krebs hatte, oder schlimmer noch, dass man Krebs als Krankheit vergessen kann? Das wäre für Ärzte albern. Ergo: Die Tatsache, dass sich im Gehirn von Verstorbenen, die typischen Proteinablagerungen Amyloid und Taufibrillen finden ohne klare Alzheimer-Diagnose bedeutet mitnichten, dass man Alzheimer vergessen kann. Die Logik ist sinnlos und verfehlt einfach das, was Wissenschaft bei dieser komplexen Erkrankung leisten kann – und was bisher nicht. Wer wirklich verstehen will, wo die Forschung in Sachen Alzheimer aktuell steht, dem sei folgender Link empfohlen, leider in Englisch: “Deciphering Alzheimer Disease”
von Dennis Selkoe, Eckhard Mandelkow and David Holtzman: http://perspectivesinmedicine.org/content/2/1/a011460.full.pdf
Volker Stollorz am 3. Februar 2012 um 09:43
Ich stimme dem Kollegen Stollorz vollkommen zu: Die in diesem Blog geäußerte Kritik sollte auf Fakten beruhen (meines Erachtens gilt das übrigens auch unabhängig davon, ob es sich bei den Verfassern um „renommierte Wissenschaftsjournalisten-Kollegen“ oder andere Menschen handelt).
Deshalb möchte ich auf folgende Fakten hinweisen (die sich übrigens auch in meinem Buch finden):
• Bis heute gibt es kein Verfahren, mit dem sich eine Krankheit namens Alzheimer bei irgendeinem Patienten wirklich nachweisen lässt. Die Diagnose erfolgt stets nach dem Ausschluss-Prinzip. Motto: Wenn der Arzt nichts findet, was in seinen Augen die Demenzsymptome seines Patienten erklärt, dann muss es wohl „Alzheimer“ sein.
• In der 2009 herausgegebenen S3-Leitlinie Demenzen geben die führenden Experten sogar offen zu, dass sie lediglich eine „wahrscheinliche“ oder, noch schwächer, eine „mögliche“ Alzheimer-Diagnose stellen können.
• In dieser Leitlinie schreiben sie auch, dass Alzheimer eine Krankheit „mit unbekannter Ätiologie“ ist. Sprich: Keiner weiß, was die Ursache ist.
• Der aktuellen Leitlinie zufolge gibt es vier Unterformen der Alzheimer-Krankheit. Die Experten unterscheiden dabei zwischen Formen mit frühem und mit spätem Beginn. Jedoch: Die beiden Formen, schreiben die Verfasser, ließen sich jedoch weder neurobiologisch noch klinisch sicher unterscheiden. Es sei derzeit „kein prinzipieller Unterschied in der Pathophysiologie, in der Diagnostik oder Therapie zwischen beiden Formen bekannt“.
• Bis heute gilt der Nachweis von Plaques und Fibrillen als das entscheidende Kriterium für die Unterscheidung zwischen Alzheimer und anderen Demenz-Formen, wie etwa die vaskuläre Demenz und die Lewy-Body-Demenz.
• Doch ein klare Unterscheidung ist selbst mit einer mikroskopischen Untersuchung von Hirngewebe der Betroffenen nach dem Tod nicht möglich.
• Denn: Seit Längerem weiß man, dass rund ein Drittel aller normal alternden Menschen, die bis zu ihrem Tod völlig klar im Kopf waren und nach ihrem Tod obduziert wurden, so viele Plaques im Gehirn hatten, dass der Befund eindeutig Alzheimer gelautet hätte.
• Zudem weiß man: Bei vielen Demenz-Patienten, in deren Gehirnen sich haufenweise Plaques und Fibrillen angesammelt haben, finden sich gleichzeitig auch Lewy-Körperchen sowie Defekte, die durch eine Schädigung der Blutgefäße wie etwa Schlaganfälle hervorgerufen werden. Der Neuropathologe Dietmar Thal zum Beispiel sagt ganz klar: „Ich habe noch nie ein Gehirn von einem Alzheimer-Patienten gesehen, in dem nicht auch gleichzeitig vaskuläre Schäden zu finden waren.“
• Zum Thema Gentests in Sachen Alzheimer: Auch da sind sich die Experten keineswegs einig. Konrad Beyreuther etwa behauptet, nur ein Tausendstel aller Alzheimer-Kranken sei fvon einer erblich bedingten Form des Leidens betroffen. Laut Volker Stollorz dagegen schreibt im Stern (6/2012): Diese genetischen Fällen „machen etwa zwei Prozent aller Dementen aus“. Wer von beiden, fragt sich der Leser, hat denn nun Recht? Der „Alzheimer-Papst“ Beyreuther oder aber der Wissenschaftsjournalist Volker Stollorz?
• Vermutlich weder noch. Denn: Wie will man einen Gentest für eine bestimmte Krankheit entwickeln, wenn man sie nicht einmal diagnostizieren, nachdem sie ausgebrochen ist?
Cornelia Stolze am 8. Februar 2012 um 18:31
Sehr geehrte Frau Stolze,
ich habe Ihr Buch zwar noch nicht gelesen, aber die zahlreichen Kommentare und Besprerechungen machen neugierig auf mehr. Eine Frage hätte ich aber, woher stammen die Zahlen, die folgende Aussage zulässt:
“Denn: Seit Längerem weiß man, dass rund ein Drittel aller normal alternden Menschen, die bis zu ihrem Tod völlig klar im Kopf waren und nach ihrem Tod obduziert wurden, so viele Plaques im Gehirn hatten, dass der Befund eindeutig Alzheimer gelautet hätte.”? Ich denke, dass genau diese Zahlen von großer Bedeutung sind.
Viele Grüße
Rainer Spanbroek
Rainer Spanbroek am 26. Juni 2012 um 13:41
Sehr geehrte Frau Stolze,
ich habe Ihr Buch zwar noch nicht gelesen, aber die zahlreichen Kommentare und Besprechungen machen neugierig auf mehr. Eine Frage hätte ich aber, woher stammen die Zahlen, die folgende Aussage zulässt:
“Denn: Seit Längerem weiß man, dass rund ein Drittel aller normal alternden Menschen, die bis zu ihrem Tod völlig klar im Kopf waren und nach ihrem Tod obduziert wurden, so viele Plaques im Gehirn hatten, dass der Befund eindeutig Alzheimer gelautet hätte.”? Ich denke, dass genau diese Zahlen von großer Bedeutung sind.
Viele Grüße
Rainer Spanbroek
Rainer Spanbroek am 26. Juni 2012 um 13:43
Sehr geehrter Herr Dr. Spanbroek,
vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben in der Tat Recht: Die von Ihnen zitierte Aussage ist einer der zentralen Punkte in meiner Argumentation. Ich gehe darauf insbesondere auf den Seiten 24 und 42 meines Buches ein. Dort finden sich auch die Fußnoten zu zwei der Studien, auf die ich mich berufe. Eine davon wurde im Lancet von der so genannten Neuropathology Group of the Medical Research Council Cognitive Function and Ageing Study(MRC CFAS) veröffentlicht (s. The Lancet, Vol. 357, Issue 9251, Pages 169 – 175, 20 January 2001). Die andere Studie stammt von Dubois et al (“Revising the definition of Alzheimer’s disease: a new lexicon”; Lancet Neurol.; 2010 Nov;9(11):1118-27.)
Viele Grüße,
Cornelia Stolze
Cornelia Stolze am 26. Juni 2012 um 19:27
Die Alzheimer Krankheit wird von Frau Dr. Stolze sicherlich zu recht eingehend diskutiert. Ich habe ihr Buch zwar nicht gelesen, aber der Titel und Kommentaren tun vermuten diese Erkrankung gäbe es gar nicht?
Das Problem wegen solcchen Krankheiten ist einerseits das die gesamte (inter)nationalen Forschung sehr verzettelt ist. Andernseits hat das Genom- Projekt die Medizin im therapeutischem Sinne kaum weitergebracht. Insgesamt ist die Enttäuschung über die moderne Medizin schon sehr sehr groß, dies sicherlich wegen Gehirnerkrankungen.
Meine Meinung zum Thema ist das es allerdings auch sicherlich viel Hoffnung gibt auf wirklich neue Therapieansätze diesbezüglich und zwar aus ganz unerwarteter Richtung und das muß einfach mal öffentlich gesagt und erläutert.
Etwa sieben Prozent der jüngeren Patienten mit Diagnose Akuter Myeloischer Leukämie haben Ausfall des MRP1- Gens auf Chromosome 16 in falschen Abwehrzellen. Bei Ausfall dieses Gens wirkt auch das ABCC1- Zelltransportereiweiß nicht mehr. Heutzutage überlebt etwa siebzig Prozent dieser Patienten länger als fünf Jahren nach Hochdosischemotherapie. Bei sehr NIEDRIGEM Wert des ABCC1- Zelltransportereiweiß wirkt Chemotherapie sehr gut und zwar in drei Chemotherapiezyklen.
Vor genau 21 Jahren hatte ich diese AML- Erkrankung selber als junger Zahnarzt (1959). Nach genau 100 Tagen lief ich mit Mühe das Abteil runter nach draußen, seitdem ist mir gesundheitlich nichts mehr passiert. Nach neunzehn Monaten absolvierte ich mein erster Marathon in Rotterdam/ NL in 4.59.41h. Fünf mal Marathon New York/ USA folgten in 1994 – 1998. Ich bin einzigster AML- Überlebender meines damaligen Abteils.
Mittlerweile folge ich seit Jahren die basalen Forschung. In 2010 wurden in Manchester/ UK drei von vier Extensionen des ABCC1- Zelltransportereiweiß in 3D veröffentlicht auf Basis von Cryo- Crystallography. Die vierte Extension fehlt bis heute. Mit allerneuester Technik die sich Röntgen- Crystallography nennt kann in den nächsten Jahren die komplette Struktur des ABCC1- Zelltransportereiweiß gefunden werden und zwar auf sogar atomarem Nivo, so gesagt die Reihe nach.
Diese 3D- Struktur ist wichtig um Medikamenten zu finden um bei Krebstherapien das Nivo von ABCC1- Zelltransportereiweiß NIEDRIGER zu machen zur Vermeidung von Resistenzen UND um bei Alzheimer- Patienten das Nivo von ABCC1- Zelltransportereiweiß zu ERHÖHEN.
Insgesamt bin ich als Betroffener insgesamt sehr optimistisch das dies alles auch gelingen wird. Zwar wird als solches Alzheimer- Krankheit nicht heilbar sein, werden allerdings Patienten einen wesentlichen Aufschub erfahren qua gesunder Lebenszeit. Insgesamt soll momentan die Gesellschaft Ruhe bewahren und die basalen medizinischen Forschung voranbringen.
Mit freundlichem Gruß,
Salzburg, 16.08.2012,
Zahnarzt Drs. Sjaak Fioole
Drs. Sjaak Fioole am 16. August 2012 um 11:48