Kognitive Defizite bei der FDA

Mit einem raffinierten Schachzug und dank einer seltsamen Entscheidung der US­Arzneimittelzulassungsbehörde FDA ist es den Pharmafirmen Eisai und Pfizer gelungen, ihr Monopol auf den Kassenschlager „Aricept“ für weitere Jahre zu retten. Den Unternehmen beschert der Coup mit dem umstrittenen Alzheimer­Medikament Milliardeneinnahmen – auf Kosten der Sicherheit und Gesundheit wehrloser Patienten. Einen ausführlichen Artikel über die Hintergründe des Falls finden Sie in der aktuellen Ausgabe von BERLINER ÄRZTE – der Zeitschrift der Berliner Ärztekammer.

Dement durch hohen Blutzucker

Vieles deutet seit Jahren darauf hin: Diabetes ist einer der Faktoren, die maßgeblich zur Entstehung einer Demenz beitragen können. (s. „Vergiss Alzheimer!“, Kapitel 8, S. 216ff).

Jetzt liefert eine prospektive Kohortenstudie* interessante neue Belege dafür. Das Team um Kristine Yaffe von der Universität von Kalifornien in San Francisco konnte darin zeigen, dass eine Diabeteserkrankung mit einem beschleunigten kognitiven Abbau im Alter einhergeht. Je höher der Langzeitblutzuckerwert HbA1c  und je schlechter damit die Blutzuckereinstellung war, desto schlechter schnitten die Betroffenen auch in den Demenztests ab. (s. Deutsches Ärzteblatt, 20.06.2012)

Wie immer bei Beobachtungsstudien gilt zwar das Prinzip, dass eine Assoziation noch kein Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang ist. Fest steht jedoch: Diabetes führt im gesamten Körper – und damit auch im Gehirn – zu einer Mikroangiopathie. Zudem weiß man, dass Nierenerkrankungen, Schlaganfälle, Bluthochdruck und Hyperlipidämie, die alle zu den Spätkomplikationen des Typ-2-Diabetes mellitus gehören, mit kognitiven Einbußen einhergehen.

*siehe: Archives of Neurology (2012; doi: 10.1001/archneurol.2012.1117)

Als „Best of“ wiederholt: Beckmann-Sendung zu Alzheimer

Während der Sommerpause zeigt die ARD in Zusammenarbeit mit 3Sat noch einmal Wiederholungen der besten Beckmann-Sendungen des vergangenen Jahres. Am 15.06.2012 strahlte der Sender noch einmal die Sendung zum Thema „Alzheimer – der Kampf gegen das Vergessen“ vom 02.02.2012 aus. Anlass war damals die Veröffentlichung des Buchs von Rudi Assauer mit dem Titel „Ich habe Alzheimer“.

Eine Diagnose, die ich stark in Frage stelle – und mit der ich in der Sendung unter anderem den Neurologieprofessor Günther Deuschl konfrontiert hatte. Deuschl war not amused…

Aber sehen Sie selbst!

Den Beitrag können Sie über die ARD-Mediathek anschauen.

Weitere Infos zur Sendung finden Sie hier.

WamS: „Chemische Gewalt“ gegen alte Leute

In Deutschland müssen fast eine viertel Million Menschen Psychopharmaka schlucken, ohne dass damit Krankheiten behandelt werden. Zu dieser erschreckenden Erkenntnis kommt das Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen, berichtet die Welt am Sonntag. Ein Schwerpunkt des Artikels ist das Ruhigstellen von Senioren mit Neuroleptika – ein riesiges, häufig totgeschwiegenes Problem, auf das ich in meinem Buch Vergiss Alzheimer! ausführlich eingehe (s. 64ff).
Zudem beleuchtet der Artikel die Hintergründe der jahrelangen Fehlentwicklungen auf diesem Gebiet: Einer der Faktoren sind die massiven Interessenkonflikte und Abhängigkeiten der meisten führenden Experten in der Psychiatrie von der Pharmaindustrie, die ich in Kapitel 7 meines Buchs aufgezeigt habe.

„Krebsmittel heilt Alzheimer“ – schön wär‘s!

Hinter dem jüngsten Presserummel um ein seit 13 Jahren zugelassenes Krebsmedikament namens Bexaroten steckt leider ein Märchen. Zu diesem Ergebnis kommt die Zeitschrift Laborjournal in ihrer aktuellen Ausgabe.

Es ist ein Durchbruch in der Alzheimer-Forschung: Mediziner haben entdeckt, dass Bexaroten bei Mäusen Gedächtnisstörungen beseitigt„, berichtete etwa das Hamburger Abendblatt. Auch das renommierte Time Magazine war hellauf begeistert und meldete: „A Cancer drug reverses Alzheimer’s disease in mice“.

Auslöser war eine Veröffentlichung von US-Forschern der Case Western Reserve University im Fachmagazin Science. Die Wissenschaftler hatten darin berichtet, dass Bexaroten die angeblich für Alzheimer typischen β-Amyloid-Plaques bei Mäusen binnen Stunden verschwinden lasse. Nach nur zweiwöchiger Behandlung hätten sie gar 75 Prozent aller Amyloid-Plaques zum Verschwinden gebracht.

In einer klugen Analyse kommt das Laborjournal jedoch zu dem Schluss: „Das mutmaßliche Wundermittel hält nicht annähernd, was die mediale Hysterie verspricht“. mehr

Probiodrug-Chef liefert Polemik statt Fakten

Hans-Ulrich Demuth, Vorstand der Probiodrug AG in Halle hat sich in der Zeitschrift Transkript einem Pro und Kontra zu der Frage gestellt „Ist Alzheimer ein Konstrukt oder eine Krankheit?“. So weit so gut.

Doch leider fehlen dem Biochemiker offenbar die Argumente. Denn sein Kontra enthält statt Fakten nur Polemik. Bei allen zentralen Punkten bleibt er eine Antwort schuldig.

Was, Herr Demuth, ist denn nun genau die Alzheimer-Krankheit? Wie diagnostiziert man sie? Was unterscheidet sie von anderen Demenzformen und wie grenzt man Alzheimer zum Beispiel von der vaskulären Demenz oder der Lewy-Körperchen-Demenz ab? Über welches Geheimwissen verfügen Sie im Gegensatz zu den Verfassern der aktuellen S3-Leitlinie Demenzen, die offen eingestehen, dass sie das bis heute nicht können? Was ist die Ursache von Alzheimer? Die Amyloid-Plaques, die in den Augen der meisten Forscher als Hauptübeltäter gelten? Oder doch die Tau-Fibrillen, die der renommierte Anatom Heiko Braak und manch anderer Forscher für die eigentlichen Bösewichte hält?

Bedauerlich, wenn der Vorstand eines Biotech-Unternehmens eine angeblich „verwirrende und demoralisierende Wirkung“ eines fachlich bis heute unwiderlegten Sachbuchs „auf Familienangehörige, Betreuer und Ärzte“ erfinden muss, um von den Widersprüchen und der Irreführung in seinem eigenen Forschungsfeld abzulenken.

Harald Hampel widerspricht sich selbst

Dies ist ein bahnbrechender Befund, da die meisten anderen bisher verfügbaren Nachweismethoden, so genannte Biomarker, für Alzheimer deutlich weniger sicher den Schwund der geistigen Fähigkeiten anzeigen können“, verkündet Harald Hampel, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Goethe-Universität in einer Pressemitteilung vom 08.02.2012.

Komisch – schon 2007 hatte Hampel verkündet: Wer an Alzheimer erkranken werde und wer nicht, »können wir heute eindeutig mit drei Liquormarkern schon sieben Jahre vor Ausbruch des Leidens feststellen„.

Wie passt das zusammen? War die Aussagekraft der Biomarker damals doch nicht so „eindeutig„, wie Herr Hampel damals behauptet hat?

Und: Wo ist der Beleg dafür, dass Hampels neuer „sensitiver Test“ nicht nur eine frühe Diagnose der Alzheimer Demenz ermöglicht, sondern auch „den Erfolg der Therapie erhöht„, wie es in seiner aktuellen Pressemitteilung heißt?

Alzheimer: ansteckend UND erblich zugleich?

Zwei deutsche Wissenschaftsjournalisten haben sich in den vergangenen Tagen regelrecht Konkurrenz mit neuen Horrormeldungen zum Thema Alzheimer gemacht. Ulrich Bahnsen unkt in der ZEIT, dass Alzheimer womöglich durch „infektiöse Eiweißmoleküle“ ausgelöst wird. Er warnt vor „massiven Folgen für unser Gesundheitssystem“ und stellt gleich mal „die Sicherheit von Blutspenden und Blutprodukten infrage„.

Sein Kollege Thomas Liesen macht die Übeltäter in seinem Deutschlandfunk-Beitrag dagegen in einzelnen, bösen Genen aus und plädiert dafür, Alzheimer schon „fünf, vielleicht aber auch zehn oder 20 Jahre, bevor sich erste, leise Gedächtnisprobleme zeigen“ zu diagnostizieren und dann zu therapieren, „vielleicht sogar mit den Mitteln, die bisher versagt haben„.  zum Podcast

Erstaunlich, wie sicher sich die Beiden ihrer Thesen sind – obwohl  sich diese komplett widersprechen.

Mehr noch: Wie, Herr Liesen, soll man Alzheimer bereits Jahre vor Auftreten der ersten Symptome diagnostizieren können, wenn sich die Krankheit – nach übereinstimmender Aussage von Medizinern und Forschern – nicht einmal nachweisen lässt, wenn ein Mensch bereits schwer an Demenz erkrankt ist?

Und: Wollen Sie vielleicht selbst schon einmal vorsorglich ein paar der Mittel schlucken, die, wie Sie selbst feststellen, bisher versagt haben?

„Wie bei einer Wahrsagerin“

In einem Interview mit Spiegelonline vom 12.12.2011 warnt der  Medizinethiker Urban Wiesing vor dem wachsenden Angebot medizinischer Orakel. Die meisten Gen-Tests würden keine relevanten neuen Erkenntnisse bringen. Schon gleich nicht bei „Alzheimer“. In Wirklichkeit würden Verbraucher von den Anbietern schlichtweg getäuscht. mehr

AOK Rheinland/Hamburg fordert Zurückhaltung bei der Verordnung von Psychopharmaka

AOK Rheinland/Hamburg 30.03.2011: Psychopharmaka sollten sorgsamer und in geringerer Menge verordnet werden, fordert die AOK Rheinland/Hamburg. Anlass sind die Verordnungsdaten 2010 der hiesigen AOK aus der Behandlung von psychisch Erkrankten. Die Auswertung zeigt, dass immer mehr Patienten immer größere Mengen von Psychopharmaka wie Mittel gegen Depressionen oder psychisch stimulierende Arzneien erhalten. Besonders kritisch ist dabei die stark wachsende Verordnung von Antidepressiva zu sehen. So erhöhte sich allein von 2009 auf 2010 die Zahl der antidepressiv behandelten Patienten um 21,4 Prozent, während die Verordnungsmenge der Antidepressiva um 12,8 Prozent zunahm. Hinzu kommt, dass bei den Verordnungen ein Umstieg von niedrigpreisigen zu höherpreisigen Psychopharmaka festzustellen ist…. Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg, erklärte: „Die Höhe des Anstiegs kann nicht rational nachvollzogen und begründet werden. Wir müssen feststellen, dass Psychopharmaka besonders bei alten Menschen verstärkt eingesetzt werden, aber auch Kindern und Jugendlichen verordnet werden. Hier stellt sich die Frage, ob die Vielzahl der Verordnungen überhaupt therapeutisch notwendig ist, und ob Umfang oder Art des Einsatzes angemessen und zweckmäßig erfolgen.“ mehr